frapp.antville.org
frappieren swV. 'in Erstaunen versetzen, befremden', sondersprachl. Im 18. Jh. entlehnt aus frz. frapper (wörtlich: 'schlagen'), aus frk. *hrapon 'raufen, raffen', zu ahd. *raffon (dass.). Die Bedeutungsentwicklung hin zu 'entfremden' wohl auf Basis des Überraschungseffektes eines plötzlichen Schlages (vgl. ne. striking).
Mittwoch, 8. Mai 2002

Kulinaria

Heute Abend gibt's mal wieder ein gepflegtes Essen in netter Runde. Für den Hauptgang steht Spargel auf dem Programm, daher auch mein etymologische Vorfreude. Den Einkauf für die Vorspeise habe ich am Samstag in Griesheim erledigt. Eine Lagerhalle voll mit appetitanregendsten Würsten, Pasteten, Pasta, Gemüse, Obst, Fisch und anderem Meeresgetier, dazu noch eine Abteilung mit Wein, Champagner und Grappa. Ein klassischer Hallenbau aus der Jahrhundertwende fehlt für ein heimliges Ambiente, aber Anregungen für spannende Kochexperimente finden sich zuhauf.

[kellers,  12:45 · referenzieren ·  ]



Und vom gleichen Tage ...

Diese Ergänzung des Schockwellenreiters zu Praschls Aufruf zum Nachdenken über Geschlechtsverkehr & Vaterland, endend mit der alttestamentarischen Klage "Herr, scheiß Hirn vom Himmel...":

Wenn wir schon dabei sind... Ich finde, (Nach-) Denken hat noch nie geschadet. Aber das ist bis in Politikerhirne — die können wohl nur monokausal denken — noch nicht vorgedrungen.

Einzig und allein bedenkenswert finde ich den Vorschlag von Otto Schily, die Volljährigkeitsgrenze auf 21 Jahre anzuheben. Minderjährige veranstalten nun mal keine Massaker. Qua Definition! Logische Konsequenz daraus ist, das Eintrittsalter zur Bundeswehr ebenfalls auf 21 Jahre anzuheben...

Oder noch besser: Hebt die Volljährigkeitsgrenze doch gleich auf 85 Jahre an. Dann sind wir sofort eine friedliche und gewaltfreie Gesellschaft.

Zu obigem Debattenauslöser habe ich die Replik erhalten, man müsse doch an Alterspyramide und Rentenstabilität denken. Ein bestimmtes Nein! Soll hier versucht werden, Reproduktionsdruck aufzubauen? Patriotisches Poppen?

[kellers,  12:38 · referenzieren ·  ]


Sonntag, 5. Mai 2002

Fakten, Fakten, Fakten?

Mit diesem Artikel sind Weblogs endlich im Mainstream eines Herrn Markwort angekommen. Richtig angekommen aber nicht, wie dieser Reaktion zu entnehmen. [via worldwideklein]

[kellers,  19:41 · referenzieren ·  ]



Staedel

Nach guten sechs Jahren in Frankfurt zu ersten mal hier gewesen. Nach Expressionisten, Impressionisten, Klassischer Moderne, Niederländer Barock stellte sich schlussendlich bei den Altar- und Tafelbildern von Holbein, Dürer und Cranach kulturelle Sättigung ein. Eigentlich war es eher ein Gefühl des Überfressens. Anschließendes Joggen im Niddapark führte dann wieder zu ausreichender Hirndurchlüftung. Es bleibt die Frage, warum ich Museen nicht dem eigenen Auffassungsvermögen angepasst portionsweise genießen kann.

[kellers,  19:23 · referenzieren ·  ]



Fielmann-Philosophie?

Über Brillen als Intelligenzindiz, wiewohl nicht hinreichende Bedingung sinniert der Salon. [via arrog.antville. Thematischer Volltreffen, wenn man die Kommentare liest ...]

[kellers,  18:21 · referenzieren ·  ]


Samstag, 4. Mai 2002

Schwadronieren

gehört unbedingt auf die Liste aufbewahrenswerter Worte. Fällt im Dornseiff unter die Kategorien 13.22 Schwatzen sowie 16.89 Prahlerei. Weil's so schön ist, hier das verbale Umfeld der ersten Kategorie:

babbeln · bläffen · bölken · brabbeln · breittreten · buwweln · daherreden · disseln [Anm.: Hat das was mit Dissertation zu tun?] · drähnen · drähnstaken · faseln · fladdern · flüstern · gnaren · gnätern · gnören · hüstern · hürsken · jabbeln · kalen · kannegießern · kiwen · kiwweln · klatschen · klerren · klöhnen · köddern · kohlen · kröddern · kullern · labbern · mähren (sächs.) · mucheln · munkeln · muscheln · muskern · musseln · nusseln · ölen · palavern · plappern · plaudern · plauschen · pludern · prälatern · prären · prötjern · prötteln · punnern · puntern · quaddern · qualstern · quaggeln · quasseln · quatschen · quesen · rabbeln · räsonnieren · ratschen · sabbern · salbadern · schabbern (ostpreuß.) · schmädere · (schweiz.) · schmusen · schnattern · schwadronieren · schwätzen · schwatzen · seichen · seiern · snaken · snatern · snaueln · swadereeren · swadern · tratschen · tüstern · tuscheln · sich verbreiten über · verzapfen · zackereeren · zackermentern · zaustern · eine Nuß vom Baume schwatzen · des langen und breiten darlegen · rückhaltlos sprechen · lebt geistig über seine Verhältnisse · weit ausholen · sich ausschleimen · er redt einen bedeutenden Strahl (berl.) · wie ein Wasserfall, wie ein Buch · vom 100. ins 1000. kommen · wie ein Barbier · er schwätzt dem Teufel ein Ohr ab · nicht zu Ende kommen · einen Stiefel zusammenreden · hat zum Reden eingenommen · ist nicht auf den Mund gefallen · bei dem muß man die Schnauze extra totschlagen · hat einen fürchterlichen Sprechanismus, Sprechmatismus · die haben sie mit der Grammophonnadel geimpft · der Mund steht nicht still · ein schreckliches Mundwerk · ist verschwiegen wie eine Litfaßsäule · der Zunge freien Lauf lassen · einen Salm machen · redet einen in den Sack und wieder heraus · na, tun dir noch nicht die Backen weh?

abschweifen · in Fluß kommen · ausdehnen · ausspinnen · breittreten

überschreiten · die Ohren vollblasen · tot reden

geschwätzig · klatschhaft · langatmig · mitteilsam · plauderhaft · redsselig · scharfzüngig · schellenlaut · schlagfertig · schwatzhaft · schwülstig · weitschweifig · wortreich · zungenfertig

Breitmaul · Dauerredner · Faselhans · Gevatterin · Kaffeeschwester · Kannegießer · Klatschbase · Moralprediger · Plauderer · Quasselstrippe · Quatschbacke · Redner · Rhetor · Schlabberjochen · Schmuser · Schnattermaul · Seichbeutel · Schwätzer · Stadtklatsche · Waschweib

Elster · Gans · Papagei · Star · klingende Schelle

Drachenfels · Kaffeeklatsch · Krähwinkel · Lästerbank

Tautologie · Pleonasmus

Ge- · Edelschmus · Erguß · Geplapper · Gerede · Geschnatter · Geschwätz · Geseires · Gewäsch · Kaff · Klatsch · Latsch · Mauldiarrhoe · Phrasen · Redefluß · Tirade · Wortgeklingel · Wortschwall

gut geschmiertes Mundwerk · Geschwätzigkeit · Maulfertigkeit · Redefluß · Rederitis · Redewut · Salbaderei · Urschlerei · Zungengeläufigkeit

Danke für Ihre Aufmerksamkeit (und Ihr Schweigen)!

[kellers,  16:53 · referenzieren ·  ]



Pixies

Das Graben im meiner CD-Sammlung hat mich heute nachmittag zu Surfer Rosa und Doolittle greifen lassen. Wunderbarer Speedpop mit schrägen Texten. Meine Favoriten lauten Gigantic, Debaser und besonders Wave of Mutilation. Nach der Auflösung der Band hat sich Sänger Black Francis noch in einigen Soloprojekten versucht. Leider (?) aus den Ohren verloren.

Besonders schön die surrealen Booklet-Gestaltungen und Texte, z.B. mit direkter Bezugnahme auf Luis Buñuels Un chien andalou von 1928:

Debaser
got me a movie
i want you to know
slicing up eyeballs
i want you to know
girlie so groovie
i want you to know
don't know about you
but i am un chien andalusia
wanna grow
up to be
be a debaser, debaser

got me a movie
ha ha ha ho
slicing up eyeballs
ha ha ha ho
girlie so groovie
ha ha ha ho
don't know about you
but i am un chien andalusia

[kellers,  16:38 · referenzieren ·  ]



Asparagus

Wieder Spargelzeit auf den Märkten. Einige Überraschung erlebt ich mit der Feststellung über den Zusammenhang zwischen per aspera ad astra und dem Gemüsespargel, lat. asparagus officinalis. Die hinzugezogenenn Herren Brockhaus und Kluge verweisen von Spargel auf die Entlehnung aus dem italienischen asparago aus lateinisch asparagus, griechisch aspáragos, welche sich wiederum aus dem altindischen Ausdruck für donnert, grollt, bricht hervor ableiten.

Die bis 2 m hohe Art Gemüse-S., Spieke oder Korallenwurzel [...] ist ein Halbstrauch mit grünen, verzweigten Stengeln, nadelförmigen Kurztrieben und fleischigen Speicherwurzeln. Am Wurzelstock bilden sich aus Seitenknospen Sprosse, die gebleicht (unter einem Erdwall Bleich-S.) [...] als S.-Stangen geerntet ("gestochen") werden. [...] Erste Ernte im 4. Jahr nach der Pflanzung; Ertragsdauer rd. 15 Jahre. [via Brockhaus]

Und vom Lande kommend ergänze ich gerne, dass Spargel bei der Pflanzung am besten eine Düngung mit Pferdemist erhält. Das aspera in obiger lateinischer Redewendung wurde zu meiner Schulzeit mit rauh übersetzt; verweist entfernt auf die Stengeloberfläche.

[kellers,  16:18 · referenzieren ·  ]


Mittwoch, 1. Mai 2002

Moss

ist der Name meines Teppichs. Nicht Kate, einfach nur Moss. Mit dem gleichnamigen Model gemeinsam hat mein Teppich die roten Haare; Nicht-Gemeinsamkeiten sind Dicke und Flauschigkeit.

[kellers,  21:44 · referenzieren ·  ]



Wo bin ich hier eigentlich?

Die Aufmerksamkeitserregung durch die Ereignisse in Erfurt oder Dschenin ebbt langsam wieder ab. Wieder stelle ich mir die Frage, welche Bedeutung ich den letzttägigen Ereignisse zuordnen soll. Einerseits attestiere ich mir eine durchaus differenzierte, kritische Wahrnehmung, diagnostiziere andererseits aber auch, dass Vielfalt und Menge an Informationen, Neugigkeiten in mir selbst zu einem thematischen Brei unbestimmbarer Konsistenz und geschmacklicher Gewagtheit verrührt werden. Mit Fragmentiertes Leben habe ich diese Gemengelage mal versucht zu beschreiben. Dazu die (unangenehme) Vorahnung, dass diese Ereignisse (wie auch der 9.11., Spendenskandale in CDU wie SPD, europäische Rechtsrucke von Jean-Marie Le Pen über Jörg Haider, Medienverwerfungen von Silvio Berlusconi über Leo Kirch bis hin zu Rupert Murdoch) keine wesentlichen Spuren hinterlassen sondern gleichsam gleich vergessen sind. Ist das schon pathologisch? Bereuenswert? Vermeidbar? Aufmerksamkeitsspannen von mikroskopischem Format? Es zeichnet die Mediengesellschaft aus, ohne eine Auszeichnung zu sein.

Die Fragestellung schürft bei genauerer Betrachtung tiefer: Das Wissen um die fast instante Reduktion nicht nur meiner sondern genereller der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit ist ein sich stetig beschleunigender Prozess. Eine Entwicklung, die ich mit Fragmentierung bezeichnen möchte. Die Fassung des Begriffes Fragmentierung erfolgt selbstverständlich auch in unzusammenhängenden Sätzen, in Einzelaspekten, in Partikularperspektiven, in Fragmenten:

(1) Die Partikularisierung und Ausdifferenzierung persönlicher Interessen fragmentiert die Weltanschauung in individuelle Einzelperspektiven. Auch wenn mediale Erregtheiten sich immer wieder bemühen, Ereignisse hochzuspielen zu den Ereignissen, die die Welt berühren, steht dem doch die persönliche Erfahrung diametral gegenüber, dass die Schnittmenge über die individuelle Ereignisrezeption schon bei zwei Personen gegen die leere Menge konvergiert. Andererseits sind es diese Überschneidungen, die letzten Endes die gemeinsame Basis definieren, ohne die Kommunikation zu sinnentleertem, belanglosem Gemurmel degeneriert. Kommunikation erfordert einen thematischen Kern, eine gemeinsame inhaltliche Basis, gemeinsame Sprache und Vokabular, die durch Fragmentierung infrage gestellt ist.

(2) Abzulehnen ist die Vermutung, dass es sich bei Fragmentierung um eine Form der Neuen Unübersichtlichkeit handelt. Die Habermassche Prägung suggeriert die Möglichkeit, dass besondere Bemühungen, beispielsweise die Erhöhung des eigenen Beobachtungsstandpunktes, diese Unübersichtlichkeit aufheben könne. Im Kern handelt es sich hier um eine aufklärerische Grundannahme. Fragmentierung widersetzt sich aber der Annahme, dass eine Erhöhung der Leuchtstärke, eine Erweiterung des Horizonts tiefere Erkenntnis verschafft. Fragmentierung schließt per definitionem parallele und partielle Wirklichkeiten, die ihre jeweilige Wahrheit, Wahrhaftigkeit haben, ein.

Anders formuliert: Die Neue Unübersichtlichkeit konstatiert die Schwierigkeiten bei der Suche nach der Wahrheit, nach dem letzten Grund. Und suggeriert, dass Ordnungsstiftung möglich ist, durch ERkenntnis, Analyse und den Diskurs aufgeklärter Individuen. Fragmentierung dagegen geht davon aus, dass sich die Gesellschaften über die Zeit dahin entwickeln, die Frage nach ihrer eigenen Bedeutsamkeit innerhalb ihres Kontextes (der wiederrum ein Fragment ist), zu etablieren.

(3) Fragmentierung inszeniert sich am deutlichsten in den aktuellen multiplen und sequenziellen Berufs- und Beziehungsbiografien. Der integral gemeinte Begriff der in sich geschlossenen Biografie wird durch aktuell erfahrene, erlebte Lebenswirklichkeiten aufgelöst in verschiedene Partialwirklichkeiten — oder eben Fragmente.

(4) Ein weiterer selbst-empirischer Beweis für eine gesellschaftliche Fragmentierung findet sich in einem historischen Rückblick: Wo es vor wenigen Jahren noch thematische Schwerpunkte gab, z.B. gesetzt durch eines der drei Fernsehprogramme am Vorabend, diffundiert diese verbindende Erfahrung in der Vielfalt von 30 oder mehr Programmen (ohne jedwede programmatische Ausrichtung). Der Gesellschaftscluster, dem ich einzurodnen wäre, schrumpft auf das Ein-Mann-Universum.

(5) Orientierung erfordert definierte Fixpunkte. Die fortschreitende Fragmentierung hebt diese Fixpunkte auf. Für mich ist es naheliegend, diesen Verlust an Orientierung mit als ursächlich dafür zu begreifen, dass die Gesellschaft zunehmend Individuen gebiert, die scheinbar frei und losgelöst von jedem common sense ihre eigenen Interessen verfolgen. Und diese Interessen entstehen völlig losgelöst von jeder gesellschaftlich akzeptierten Libertinage.

(6) Platons Höhlengleichnis zeigt die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung und letztendliche Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Erkenntnis. Fragmentierung eskaliert diese Erfahrung der Unzulänglichkeit der eigenen Einsicht in einen universellen Maßstab: Erkenntnis, Einsicht ist sui generis unmöglich aufgrund der Fragmentierung sowohl des persönlichen, individuellen Lebens wie auch des jeweiligen Lebensumfeldes.

(7) Wo Individualismus ein gewollter Akt des Eigensinns ist, führt Fragmentierung zu einer von außen kaleidoskopartig zerplitterten Außen- und Innenwahrnehmung, die Individualismus nicht als freiheitlichen Akt versteht, sondern als rein persönliche Lebenswahrnehmung definiert.

Fazit? Ich begrüße das Leben in einer societas potentialis. Innerhalb gesellschaftlicher Normen erlaubt mir meine Umwelt, wie weit ich sie auch definiere, das Leben nach meinen persönlichen Vorlieben, Präferenzen, Neigungen. Einzige Einschränkung, Begrenzung, Domestifizierung erfolgt durch Normen, die inzwischen auf ein UN-Mindestmaß reduziert sind, nicht weit entfernt von den mosaischen Tafelkritzeleien. Damit bleibt nicht viel an normativem Charakter. Sie gewinnen ein Blauhelm-Beliebigkeit, die keine Gemeinsamkeit stiftet außer der gemeinsamen Abscheu gegen das völkerrechtliche Verbrechen. Was fehlt, ist ein breiteres Verständnis darüber, was uns verbindet, uns gemeinsam ist. Der Ruf nach Integrationsfähigkeit geht ins Leere, wenn unklar bleibt, wohin denn integriert werden soll. Genauso erzeugt der Roman Herzogliche Ruf nach dem "Ruck", der durch Deutschland gehen müsse, nur ein multifrequentes Grundrauschen der verschiedenen Gesellschaftsfragmente.

Kurz gesagt: Ich delektiere mich an meinen Partikularinteressen, genieße mein Leben in meinen Fragmente, ärgere und ängstige mich weiter über die Exzesse dieser Welt, habe keine Antwort und fürchte, dass die Suche danach ein Phantom jagt.

[kellers,  20:38 · referenzieren ·  ]


Sonntag, 28. April 2002

Leben auf der Überholspur

Wenn man vom Ausland kommend nach Deutschland einreist, erinnere ich mich an Tafeln mit einer Kurzeinweisung in die Straßenverkehrsordnung inklusive Geschwindigkeitsregelungen in Ortschaften, auf Landstraßen und Autobahnen. Letztere sind mit dem Geschwindigkeitsgebot von 130 km/h versehen. Auch am Wochenende! Sonntags und bei Regen scheinen viele der lieben Verkehrsteilnehmer dieses Gebot jedoch geflissentlich ignorieren zu können. Im Ärger habe ich wiederholt über Adhoc-Fahrverbote und Führerscheinentzug nachgedacht.

[kellers,  18:43 · referenzieren ·  ]



Sechsundzwanzig Prozent

meines Lebens habe ich an diesem Gymnasium verbracht. Und gestern hat sich mein Abiturjahrgang dort wieder getroffen zum Fünfzehnjährigen. Mit diffuser Erwartungshaltung also mit A3 über A5, A45 und A1 in's heimatliche Westfalen gefahren. Empfang in der Pausenhalle und dort vorher bereits mit Wehmut an das inzwischen fehlende Geländer der ehemaligen Raucherecke gedacht. Raucherecken scheinen immer noch, und nicht nur in der Schule, zu den interessanteren Orten zu gehören. Sind Raucher auch die interessanteren Menschen? Trendsetter?! Vielleicht liegt es aber doch stärker an den in nächster Nähe befindlichen Getränke- und Kaffeeautomaten. Erstens passen Koffein und Nikotin gut zusammen (kurzer Blick nach rechts auf Kaffeetasse und Aschenbecher), und zweitens ist dieser gepaarte Giftgenuss eine angenehme Begleitung des gepflegten Gesprächs zum Austausch des neuesten Tratsches. Und daher wirkt die Anziehungskraft von Raucherecken ja auch in Umgebungen mit dem Schulalter entwachsenen Menschen wie der Kaffee- und Expresso-Küche in meinem Büro.

Zurück zu "dem Schulalter entwachsen": Erstaunt hat mich, wie viele meiner Mitabiturienten immer noch oder wieder in der Gegend wohnen. In meinem Kopf steckt das Bild der mobilen Thirtysomethings, der ungebundenen Kosmopoliten. Generation Ally McBeal. Nur nicht ganz so amerikanisch-neurotisch, eher deutsch-effizient. In der münsterländischen Realität sieht das Ganze dann gerade so aus, dass es einen nach Texas verschlagen hat, zwei sind aktuell in Japan, und ein weiterer kehrt in Kürze nach zwei Jahren aus Atlanta zurück. Eine Mitabiturientin lebt derzeit in Barcelona. Sonstiges Ausland? Fehlanzeige! Unsere Ingenieure hat es zum Teil ín den Süden (Friedrichshafen und Stuttgart) verschlagen. Ein weiterer wohnt und werkelt in Hannover / Braunschweig. Ansonsten herrscht westfälische Bodenständigkeit vor. Frankfurt erhält da schon einen Anflug von Exotik.

Zum Sektempfang gab es eine salbungsvolle Ansprache des Schulleiters. "Wir müssen die Kinder starkmachen. Wir wollen sie nicht brechen." Bei seinen Vermutungen zu unseren jetzt sicherlich geänderten Lebensumständen ("... Familie gegründet, vielleicht schon erste Kinder ...") musste ich mir schmunzelnd verkneifen, "... oder bereits geschieden" einzuwerfen. Immer noch eine durch-und-durch katholische Schule.

Besichtigung der Schule. Teils immer noch der alte grüne Teppichboden; die roten Garderobenhaken im Flur. Neue Bio- und Chemieräume mit hochfahrbarem Sicherheitsglas am Lehrertisch, zum Schutz des Lehrers vor den Schülern bekalauert (bewusst auch in Anbetracht des Amoklaufs in Erfurt, dem deutschen Columbine, nur noch ohne Video). Am Abend dann noch erinnerungsweckende Gespräche bei Bier und Buffet. Und immer wieder die einleitende Frage nach dem Was & Wo: Was machst Du jetzt denn so? Wo steckst Du denn jetzt? Und davor musste ich immer wieder tief nach dem Vornamen graben. Früh um vier gegangen. Wenig Neues erfahren. Viel Wein getrunken. Passt!

[kellers,  17:56 · referenzieren ·  ]



Es nimmt kein Ende

Noch ein weiterer (erhellender? verdunkelnder?) Vergleich des Musik von GYBE! mit Film. Das plötzlich einsetzende, forcierte Schlagzeugspiel, überlagert von auf- und abschwellenden Gitarrenloops setzt in meinem Kopf Bilder aus David Lynch Filmen frei: Besonders die Blue Velvet einleitende bodennahe Kamerafahrt durch einen Rasen, bei der plötzlich ein abgetrenntes Ohr auftaucht. Beunruhigend, verstörend, aber eben auch ästhetisch schön.

[kellers,  17:46 · referenzieren ·  ]


Freitag, 26. April 2002

GYBE - Reprise

Es lässt mich nicht los! Nicht, dass der Name Godspeed You Black Emporer! schon genug Verstörung auslöst. Die Doppel-CD Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven mit 2 x 2 Stücken mit Zeiten zwischen 18:57 und 23:17 Minuten erleichtert eine Beschreibung der abermaligen Hörerfahrung nicht. Das gestrige Hören (der ersten CD) mit den Stücken storm und static hatte nichts mehr mit dem letztmaligen zu tun. Was auch (aber nicht nur) daran lag, dass währenddessen sich meine Obstglasschlüssel mit lautem Knall von ihrem Fuß verbaschiedete. Hatte das jetzt was mit GYBE zu tun?

Mein Drang, Indizien zu den merkwürdigen Subtiteln zu finden, meine Suche nach Dechiffrieransätzen und Kontextinformationen verstehe ich für mich selber als Qualitätsbeweis. Bevor ich mich jetzt neben diesem Strong Buy zu einer CD-Kritik hinreißen lasse, doch lieber Verweise auf diese Bewertung und die Seite mit MP3s der CD. Mich überraschende Koinzidenz dann beim ersten Satz dieses Interviews aus dem Jahre 1999 des NME: Gerade die langsamen Intros, fast klassisch klingend, erinnern mich an die berühmte Helikopter-Szene in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now, die mit Richard Wagners "Ritt der Walküren" unterlegt ist, und in der Bombardierung eines vietnamesischen Dorfes kulminiert. Beängstigend schön, beängstigende Diskrepanz zwischen langsam anschwellendem Sound, grausam, katastrophalem Ende (im Film) und kakophonischem Finale (im Song).

[kellers,  19:32 · referenzieren ·  ]


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